Unterwegs

…THIS IS THE PLACE

Neustadtportrait

Von geheimen Hinterhöfen und spontanen Kunstprojekten

Dresden – „Porträtzeichnungen – 4,90€ Unkostenbeitrag“ steht auf einer unscheinbaren Dresdner Tür, die zu einem mit Efeu verwucherten und fantasievollen Innenhof führt. Fast schon versteckt liegt die Ateliergemeinschaft am Ende dieses Hofes. Vor dem Eingang klärt uns ein schüchterner Mann auf, dass das Atelier sowohl als Künstlerschmiede, aber auch als Schreinerwerktstatt genutzt wird. Er selber ist Ingenieur und verbringt seine freie Zeit oft an diesem inspirierenden Ort. Wer durch das Fenster spitzt, sieht einen Mann als Frau verkleidet, der vor einem riesigen Schrank Model sitzt. Er bewegt sich nicht. Verharrt wie eine Statue auf seinem Stuhl. Um ihn rum zeichnende Menschen. Sofort kommen mir Assoziationen zu Künstlerstädten wie Florenz, Paris, Venedig oder Barcelona.

Die Kamenzer Straße, welche senkrecht in die Louisenstraße führt, ist geprägt durch große Altbauten mit einladenden Hofeingängen, die Kunst und Kultur versprechen. Kleine Balkone, große Fenster mit Stapeln voller Bücher, verschiedenfarbige Torbögen und hohe Decken stehen sinnbildlich für die Architektur im Neustadt-Viertel. „Doch wo sind all die Menschen und die Autos?“, frage ich mich – die Straßen sind fast leer. Etwa hundert Meter weiter finde ich dann die ganzen Studenten in der Louisenstraße, sitzend auf Fensterbänken bei ihrer abendlichen Zigarette und einem Gespräch. Nach Großstadtverkehr sucht man aber doch vergeblich. Vielleicht einer der Gründe, warum gerade dieses Viertel junge Leute wie ein Magnet anzieht.

Typisch für ein Szenenviertel bietet auch die Dresdner Neustadt viele Multi-Kulti-Essensmöglichkeiten. Von Indisch über Syrisch, Türkisch und Mexikanisch – es ist alles vertreten. Versteckt in Seitengassen oder Hinterhöfen überzeugen die alternativen Einrichtungen mit ihrem Charme, ihrer Gemütlichkeit und Freundlichkeit. Umso schwerer fällt mir die Entscheidung. Wer die vegane Richtung bevorzugt, ist bei Curry&Co auf jeden Fall an der richtigen Adresse. Trotz langer Warteschlangen lohnt sich ein Besuch in der Currywurstbude in der Louisenstraße, die unter anderem auch eine leckere vegane Variante mit Erdnusssoße anbietet. Jeweils zweimal in Dresden und zweimal in Leipzig erfreut sich die Kette seit mittlerweile 10 Jahren an großer Beliebtheit. Geräucherte Wurst mit Gemüsepommes serviert – ein super Snack für zwischendurch.

Trotz der letzten diskussionserregenden Pegida-Veranstaltungen in Dresden, beweisen die Bewohner des Neustadt-Viertels, dass es auch anders geht. Überall finde ich Punks und Graffitis, die sich klar gegen rechts orientieren. Es scheint, dass sich viele der Asylbewerber hier wohl fühlen. Die meisten sind auf dem besten Weg zur kulturellen und gesellschaftlichen Integration. Abends sitzen hier die Deutschen neben den Syrern, Afrikanern oder anderen Nationalitäten. Ein kleiner „Großer Ort“ der Zurückgezogenheit in ziemlich aufrührenden Zeiten.

Gegen Ende des Tages verirre ich mich dann, und als wäre es so für mich bestimmt gewesen, finde ich mich in der Königsbrücker Straße wieder – vor mir die riesigen Schaufenster einer alternativen Filmothek. Aber nicht irgendeine. Das Inventar, so ganz losgelöst von der Umgebung, könnte ganz aus einer Bibliothek der 50er Jahren stammen. „Phase IV“ prangt der Aushang über der Tür, durch die Marilyn Monroe selbst jeden nächsten Moment schreiten könnte.

Als es dann plötzlich anfängt zu regnen, tragen mich meine Füße über den nasskalten Boden der Dresdner Innenstadt hin zu einem ausgeräumten und für künstlerische Zwecke umgebauten Spielzeugladen. I am sorry, I am sorry, I am sorry …dieser Satz steht und wiederholt sich unendlich viele Male auf dem durchsichtigen Glas des Schaufensters – dahinter, ein kahlköpfiger Mann, der in sich vertieft, diese Worte immer wieder aufs Neue schreibt. Was ich hier zu sehen bekomme, ist der Teil einer Performance eines Projektes von Kunststudenten. Der Satz brennt sich in meinen Kopf, und als ich den Weg zurück zu meinem Auto finde, prasselt der Regen leise gegen die Scheibe, warme Luft dringt ins Autoinnere und ich atme noch ein letztes Stück Dresden ein.

I am sorry, that I have to leave – Dresden Neustadt, du hast mir gefallen.

                                                             Paul Kurtenbach, Dresden, 03.08.2016

 

Vorheriger in Artikel

2 Kommentare

  1. Dirk August 8, 2016

    Toller Szenebericht, da fühlt man sich gleich nach DD versetzt

Antworten

© 2017 Unterwegs

Thema von Anders Norén