Unterwegs

…THIS IS THE PLACE

Marseille

Marseille und ein “Bonjour” zum Abschied

Dreckig, arm, stinkend – so empfinde ich das Viertel “Belle de Mai” in Marseille, als ich es zum ersten Mal betrete. Die Straßen wirken düster und unheimlich, als ich zu später Stunde von unserem, im Nachthemd wartenden, Hostvater Kalagan empfangen werde. Und ich bin überrascht. Ein tolles Haus, geheimnisvoll und doch liebevoll eingerichtet, öffnet die Türen und bietet einen winzigen Raum mit einer Aussicht zum Verweilen an – hier werde ich also die nächsten 3 Wochen verbringen. Im ärmsten Viertel Europas. „Marseille – Stadt des Verbrechens“ – heißt es in den zahlreichen Nachrichten und Zeitungsartikeln. Doch ich lasse mich davon nicht zurückschrecken, ich will mir mein eigenes Bild machen von einer Stadt, die auch als Kulturmetropole gilt, als Stadt der vielen Nationen.

Das große 3-stöckige Haus wirkt auf mich lebendig, wie aus einem alten Film, und der riesige Garten scheint Geheimnisse zu hüten. In der ersten Nacht hege ich Zweifel, ob mir die Stadt gefallen wird. Lautes Autogetöse, zusammengeschusterte Mopeds flitzen aus allen Richtungen, laute Menschen – ein einziges Chaos, von dem man schnell müde wird.

Doch die nächsten Tage bringen Klarheit: Das 3.Arrandisement hat so viel mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick scheint. Langsam und scheu erkunde ich die Gegend und entdecke unter anderem „La Friche de Belle de Mai“ – eine Kulturfabrik. Ich erfahre von einem französischen Mädchen, dass sich hier die Jugendlichen treffen. Früher waren es die kleineren Gangs, heute sind es nicht nur Kids von der Straße, sondern auch andere. Hier versammeln sich Öko-Familien in Aladdin-Hosen und Skater, Musiker und Künstler. Als ich ein paar Jungs beim Fußallspielen zusehe, fragen sie mich sofort, ob ich morgen Abend mitspielen möchte. Das Gelände wirkt wie eine triste Fassade, hinter der sich jedoch tolle Künstler mit großartigen Projekten verstecken. Die Wände sind voll mit Graffitis und riesigen Bildern, die einem im Gedächtnis bleiben. Ich sehe mir ein Plakat eines Festivals an und lese Namen, wie Flatbush Zombie, George Fitzgerald, Chris Liebing und andere. Es ist ein Ort, an dem man dem Großstadtleben entkommen kann. Beim Sport oder der Kunst alles vergessen.

Am nächsten Abend treffe ich mich mit den französischen Kids. Fußball fehlt mir –  das merke ich. Um ehrlich zu sein, ich möchte in dem Moment nichts anderes. Die Atmosphäre ist unbeschreiblich, es ist dunkel, einzig das Scheinwerferlicht erhellt den Platz. Die Jungs hier können kicken, das merkt man. Am Abend falle ich tot in mein Bett und bin schon gespannt, was der nächste Tag so mit sich bringen wird.

Die nächste Woche bringt viele Überraschungen. Ich erkunde die vielen Strände Marseilles. Von weiten Sandstränden bis hin zu Kieselstränden gibt es alles, was das Herz begehrt. Die Strände sind nie überfüllt, das Wasser glasklar, man kann bis auf den Grund sehen. Einmal fahre ich auch hoch in die Calanques. Buchten, die in den Bergen liegen. Ich muss ungefähr eine Stunde laufen und klettern bis ich angekommen bin. Doch die Mühe lohnt sich, denn der Ausblick raubt mir den Atem. Man fühlt sich hier als Teil der Natur und kann sie in ihrer vollen Gewalt erleben. Beim Schnorcheln entdecke ich einen Tintenfisch. Das lässt mich strahlen, wie ein kleines Kind. Ich hab noch nie einen lebenden Tintenfisch aus solcher Nähe gesehen.

Abends gehe ich dann in das Kino „Le Gyptis“, um mir den Film „Toni Erdmann“ anzusehen, der auf dem deutschen Filmfestival in Marseille läuft. Dort treffe ich im Foyer auf einen jungen Mann, umzingelt von einer kleinen Menschenmenge, der mir sehr bekannt vorkommt. Mir kommt ein Geistesblitz und eine Szene aus dem Kurzfilm „ L`Accordeur“ in den Sinn. Es ist der Hauptdarsteller, Grégoire Leprince-Ringuet. Im Foyer wartend kommen wir ins Gespräch und ich empfinde ihn als einen sehr freundlichen und bescheidenen Menschen. Es ist mir sympathisch, dass es noch Menschen gibt, die nicht nach den Regeln von Hollywood leben, sondern bei allem Ruhm, der ihnen durch ihre Filme zugeschrieben wird, trotzdem normal und bodenständig bleiben. Nach dem Film verabschiede ich mich von ihm und mache mich langsam auf den Weg nach Hause. Ein was darf aber nicht fehlen! Ich gehe noch zu meinem Lieblingspizzabäcker an der Ecke, einem Araber, und bestelle mir eine Pizza „Fromage“ für 4 Euro. Die lass ich mir anschließend, auf dem warmen Asphalt der Großstadt sitzend, schmecken – lecker!

Im Laufe der vielen Tage, die ich in der französischen Südstadt verbringe, wird mir klar: Entweder man liebt Marseille oder nicht. Marseille ist überall gleich: Chaos, Hektik, bunt, unmöglich überfüllt. Aber auch überraschend ruhig am Strand, und musikalisch, wenn es um das Nachtleben geht, es ist hilfsbereit im Alltagsleben und man lernt leicht offenherzige und freundliche Menschen jeglicher Herkunft kennen. Es ist überall so verschieden und gleich. Außer vielleicht in Cours Julien. In diesem Stadtteil laufen die Uhren anders. Ich bin überwältigt von der Kunst in diesem Gebiet. Graffiti über Graffiti, Atelier über Atelier. Überall sehe ich Cafés, in denen junge Menschen ihren Tag bei einem warmen Kaffee und einer Zigarette ausklingen lassen. Ich fühle mich wohl, denn dieses Gefühl der Ruhe, welches in dieser Stadt so selten ist, lädt mich ein, ein weiteres Mal zu verweilen, Menschen beim Leben zuzuschauen. Zu selten haben wir im heutigen Alltag die Möglichkeit zu beobachten, einen Moment inne zu halten und über wirklich wichtige Dinge nachzudenken. Ich betrachte eine bemalte Wand. Sie zeigt einen Wolf, dessen Rachen eine Mischung aus Metallteilen herausspuckt. Es fesselt mich. Was für eine Gewalt menschliche Vorstellung haben kann! Ich denke an Berlin. Gerade, in diesem Moment, in Cours Julien, erinnert mich Marseille an eine kleine Ecke Berlins. Ein kleines Stückchen Heimat.

Nun nähert sich mein Aufenthalt in Marseille langsam dem Ende. Die vielen Tage kommen mir plötzlich so kurz vor. Es ist wie immer, man denkt es ist unendlich viel Zeit da, und dann reicht sie doch nie aus. Ich verbringe den letzten Tag am Strand des „Plage du Prado“. Ein kleines Stück weit entfernt vom Stadtzentrum. Ich treffe einen jungen Mann aus Syrien. Er bittet mich um ein Foto und erzählt mir seine Geschichte. Von seiner Flucht, seinem Leben in Deutschland und jetzt in Frankreich. Jetzt fühlt er sich hier zuhause. Ich denke daran, dass es gerade vielen Menschen so geht. Man trifft Geflüchtete überall. Es gehört zum Heute.

Der letzte Sonnenuntergang ist wunderschön. Die Zeit um mich herum scheint stehen zu bleiben, die Sonne weicht langsam der Finsternis.  Die letzten Augenblicke nehme ich sehr intensiv wahr, die Reise ist nun zu Ende. Noch eine letzte Pizza für 4€. „Fromage“. Wir kennen uns mittlerweile ganz gut. Fast jeden Tag habe ich mir nun eine Pizza bei ihm und seinem Bruder geholt. Zum Abschied sage ich ausversehen „Bonjour“.

Er lächelt nur kurz.

 

(c) Paul Kurtenbach

Nächster in Artikel

Antworten

© 2017 Unterwegs

Thema von Anders Norén